FIGURATIONEN DES SCHREIBENS IM MITTELALTER

Konzept  

 

 

„Ecrire en beauté“, sagte Apollinaire über seine Kalligramme, oder auch ‚durch Wörter malen‘. Im 19. und 20. Jahrhundert zeugen die konkrete Poesie, der Spatialismus, die Verbophonie oder der Lettrismus von kreativen Versuchen, Schrift mittels Formen und Figuren darzustellen.

 

Die Kulturgeschichte hat jedoch nicht auf die experimentelle Poesie gewartet, um das Aufzeichnen von Text zum Ereignis werden zu lassen, das sich zur Lektüre und zur Betrachtung zugleich anbietet. Lange vor den surrealistischen und dadaistischen Strömungen interessieren sich Antike und Mittelalter bereits für schrift-bildliche Darstellungen. Sie finden sich unter den poetisch-philosophischen Hervorbringungen der Antike, von den berühmten ‚Flügeln‘ des Simmias von Rhodos über die ,Syrinx‘ des Theokrit bis zu den ‚Carmina figurata‘ des Porfirius Optatianus. Was das Mittelalter betrifft, so gibt es sich nicht damit zufrieden, Augen und Ohren durch rhetorische und buchgestalterische Meisterwerke zu erfreuen, sondern es legt darüber hinaus dem verbum figuratum eine moralische und paränetische Bedeutung bei. Die berühmten Verse des Alanus ab Insulis Omnis mundi creatura / Quasi liber et pictura ... erinnern daran, dass das Schreiben die Schöpfung ebenso gut zur Sprache bringt wie sie sie auf dem Blatt sichtbar werden lässt. Dies veranschaulicht in hervorragender Weise die Flut von carmina figurata, die sichvon Milo von St. Amand oder von Venantius Fortunatus aus in der lateinischen und der volkssprachigen Literatur ausbreitet. In seinem ,Liber de laudibus sanctae crucis’ schmückt Hrabanus Maurus den Text mit Miniaturen, die als erklärende und als poetische Elemente das Symbol des Kreuzes mit dem Mysterium Christi verbinden. Wie sein Meister Alkuin, erreicht auch der Abt von Fulda in seinen Figurengedichten die vollkommene Konvergenz zweier Ausdruckssysteme, die den Traum des ut pictura poesis wahr machen: das formale Zeichen wird zum Träger, ja zur Auslegung des Textsinns.

Im Zeitalter des Vonhandschreibens haben es die mittelalterlichen Produzenten verstanden, in der Kalligrafie und in dem mit ihr verbundenen Buchschmuck Inhalt und Form zu verbinden oder – ganz im Gegenteil ‒ zwischen ihnen eine sinntragende Spannung entstehen zu lassen. Die Buchmalerei verbindet Schrift und Malerei auf der Buchseite zu einer gemeinsamen Geometrie, um so eine reichere und zuverlässigere oder eben – im Gegenteil – eine mehrsinnige Bedeutung herzustellen. Denn die Schrift zu gestalten, kann ebenso gut darauf hinauslaufen, ihren Sinn zu verdeutlichen, wie auch einzugreifen, um sie mehrdeutig werden zu lassen. Metamorphosen ausgesetzt, kann der Buchstabe in seinen Strichen und Bögen eine andere Botschaft verbergen als die des arbiträren Zeichens, das er zunächst darstellt; seine Form ist daher im Stande, den Text, den er weitergibt, anzureichern, zu differenzieren oder gar ihm zu widersprechen.

Das Interesse des hier angekündigten Colloquiums gilt der handschriftlichen Seite als Raum des Dialogs, des Austauschs und der Wechselwirkung zwischen ihrer Bedeutung (signifié) und deren graphischer Gestaltung (signifiant), zwischen Inhalt und Form. Das Interesse gilt den schrift-bildlichen Figurationen und Systemen des Mittelalters (vom 8. bis 15. Jh.), wobei nicht nur deren ästhetische Absichten in den Blick kommen sollen, sondern auch die moralischen, ideologischen, politischen und spirituellen, die auf sie Einfluss nehmen. Carmen figuratum, Devise, Anagramm, Bildlegende, Ideogramm, titulus, verschlüsselte Signatur, Akrostichon, Bustrophedon und Bildgedicht werden im Mittelpunkt des Nachdenkens über die vielfältigen Lesemöglichkeiten stehen, die jede Art von Korrelation zwischen Texten und ihren Figurationen bietet. Das Colloquium, dessen Gegenstand interdisziplinäre Ansätze nahelegt, wendet sich an Mediävistinnen und Mediävisten, die sich mit Schrift als Aufzeichnungssystem und den Wechselwirkungen zwischen Form und Inhalt von Aufzeichnungen auf den Gebieten der Geschichte, der Philosophie, der Kunstgeschichte, der Paläographie, der Kodikologie, der Musikologie und der lateinischen oder volkssprachigen Sprachen und Literaturen befassen.

Wie bei den vorangegangenen Freiburger Colloquien des Mediävistischen Instituts ist die Publikation der Tagungsakten in der institutseigenen Reihen ,Scrinium Friburgense‘ beim Reichert Verlag Wiesbaden vorgesehen. Die Tagungssprachen sind Französisch, Deutsch, Englisch und Italienisch.