Konzept

Bünde prägten den politischen Raum im mittelalterlichen Europa. Städte, ländliche Kommunen, König und Adlige, Prälaten und Kongregationen waren über Jahrhunderte sowohl Initiatoren ungezählter Bündnisse als auch indirekte Nutzniesser bestehender Bündnissysteme. Die Vielfalt dieser durch Eide und Versprechen gesicherten Abkommen ist deshalb verwirrend. Vorschläge, wie sie zu vergleichend erschliessen sind, sind selten. Bündnisse sind ein altes, im Allgemeinen aber zu einseitig behandeltes Thema der Forschung: Vor allem die deutsche und schweizerische Tradition hat sie fast ausschliesslich unter verfassungsgeschichtlichen Aspekten gewürdigt. Auch wenn die Verfassungsgeschichte eine Reihe von Vorschlägen zur systematischen Erfassung von Formen und Normen solcher Bünde vorgelegt hat, gibt es bislang keine bewährten Ansätze zur sozialgeschichtlichen Erfassung ihrer Trägergruppen. Da Bünden jedoch eine hohe Integrationskraft zugewiesen wird, ist die Frage nach ihren Trägern und nach der sozialen Dynamik, die durch Bünde angestossen wird, mehr als berechtigt.

Die Tagung setzt sich zum Ziel, mittels konkreter Analysen Vorschläge zur sozialhistorischen Erfassung der "Träger" der Bünde zu formulieren, welche die bisherigen Ansätze der Verfassungsgeschichte hinterfragen und konstruktiv zu erweitern suchen. Es wird davon ausgegangen, dass zu den "Trägern" sowohl die einzelnen Personen gehören, die sich gegenseitig eidlich verbunden haben als auch die Repräsentanten der jeweils siegelnden Institution (einer Stadt, eines Fürsten, eines Kloster). In der Verfassungssprache des Mittelalters gehören zu den Bündnisträgern sowohl die rectores als auch die homines bzw. die Gewaltigen und der gemeine Mann . Zwar lässt sich die erstgenannte Gruppe der Entscheidungsträger von den übrigen eidlich im Bund verpflichteten Genossen mit sozialen Merkmalen abgrenzen. Letztlich waren sie aber ebenso in die Normen des Bundes eingebunden. Aus der faktischen Dualität erwuchs die den Bünden inhärente soziale Sprengkraft. Jeder "Träger" eines Bundes konnte in die Pflicht genommen werden etwa im Kriegsfall. Zugleich hatte aber jeder Einzelne nur soweit Anteil am durch den Bund erworbenen "Nutzen" (z. B. Kriegsbeute oder Zugang zu Machtzentren), wie es seiner sozialen Stellung entsprach. Bund und Bündnishandeln sind deshalb in ihrer gegenseitigen Beeinflussung zu sehen: Der Bund erweiterte allenfalls die Handlungsmöglichkeiten des Einzelnen und sozialer Gruppen. Umgekehrt handelte der Einzelne im Rahmen seiner sozial bestimmten Möglichkeit und trug diese Formen in den Handlungsraum Bund hinein.

Die Tagung führt nicht nur internationale Spezialistinnen und Spezialisten zusammen, sondern auch verschiedene Forschungstraditionen. Die Referentinnen und Referenten werden aufgefordert, im Rahmen ihrer Beiträge die methodische Frage nach der Definition von "Trägerschaft" explizit aufzuwerfen. Ferner soll das Handeln der involvierten Gruppen und Personen konkretisiert werden, indem Ziele und Mittel ihres politischen Handelns ins Blickfeld gerückt werden. Die so geschaffene Gesprächsbasis soll insbesondere der sozialgeschichtlichen Ausrichtung der spätmittelalterlichen Verfassungsgeschichte neue Impulse liefern.