Zwischen Gotik und Renaissance.
Die Freiburger Plastik aus der ersten HÄlfte des 16. Jahrhunderts: Form, Funktion, Werkstattbetrieb und Produktionsbedingungen

SNF-Projekt unter Leitung von Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Kurmann

Mitarbeiter : PD Dr. Katharina Simon-Muscheid, Dr. Stephan Gasser, Dipl. Rest. Alain Fretz

Projektbeschreibung:

Die Freiburger Plastik aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts gehört zu den grössten zusammenhängenden Ensembles spätgotischer Plastik in Europa. Es ist bedauernswert, dass die Forschung bisher fast ausschliesslich mit Zuschreibungsfragen an diese Skulpturen herangetreten ist. Der Lehrstuhl für mittelalterliche Kunstgeschichte der Universität Freiburg i. Üe. (Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Kurmann, Dr. Stephan Gasser ) und das Museum für Kunst und Geschichte Freiburg (Dr. Yvonne Lehnherr, Dr. Verena Villiger) haben deshalb ein Forschungsprojekt ausgearbeitet, das mit einem interdisziplinären Arbeitsteam (Kunsthistoriker, Historiker, Restauratoren und Naturwissenschaftler) eine umfassende Neubeurteilung des fraglichen Skulpturenensembles anstrebt.
Das Forschungsprojekt will nicht einzelne Skulpturen oder Ensembles monografisch untersuchen, sondern die Figuren in ihrer Gesamtheit mit einigen zentralen Themenkomplexen konfrontieren. Dieses Vorgehen wird durch die hohe Überlieferungsdichte des Materials geradezu herausgefordert. Mit der Erfassung des gesamten Bestandes in einer zentralen Datenbank, der technologischen Untersuchung der aussagekräftigsten Figuren und einem umfassenden Studium der schriftlichen Quellen wird eine solide Basis für die Untersuchung der folgenden Aspekte gelegt.
Die Frage nach der Form der Bildwerke wird im Projekt nicht mehr in erster Linie zur Lösung von Zuschreibungsproblemen gestellt. Vielmehr werden Bildwerke als ein Medium betrachtet, das dem Rezipienten in möglichst günstiger Form bestimmte Informationen übermitteln soll. Dies bedingt vorerst die genaue Analyse der materiellen Seite der Bildwerke als Medium, d.h. die Analyse nicht nur der Form, sondern auch ihres Aussagewertes. Es muss also untersucht werden, wie die Skulpturen beschaffen sind und was sie auf Grund ihrer spezifischen Eigenschaften in einem grösseren Kommunikationssystem zu leisten vermochten.
Einen weiteren Problemkreis eröffnet die aktuelle Aufstellung der Figuren. Da die meisten Objekte nicht mehr im ursprünglichen Kontext funktionieren, werden sie heute in erster Linie medienhistorisch, d.h. als Produkte alter Kunst wahrgenommen. Die breite religiöse Erfahrung, die sie dem Rezipienten einst boten, reduziert sich dadurch auf eine Kunsterfahrung. Es ist deshalb unabdingbar, den ursprünglichen Kontext der einzelnen Werke (ehemaliger Aufstellungsort, Einbindung in Kult und Alltag usw.) zu erforschen.
Für das Verständnis spätgotischer Plastik ist zudem die Analyse der Produktionsbedingungen unabdingbar. Zum einen muss untersucht werden, inwieweit in einem Werkstattbetrieb namentlich bekannte Bildhauer überhaupt für einzelne Werke und Stile verantwortlich gemacht werden können. Zum anderen stellt sich die Frage, ob es sich bei einzelnen in Quellen erscheinenden Namen nicht "nur" um kapitalkräftige Unternehmer gehandelt hat, die selber keine Skulpturen herstellten. Neben konkreten Herstellungsprozessen ist die marktwirtschaftliche Situation zu analysieren. Obwohl die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts als Blütezeit der freiburgischen Skulptur gilt, scheinen ihre bedeutendsten Protagonisten nicht reich geworden zu sein. Es stellt sich deshalb die Frage, inwieweit einige in erster Instanz als stilistische Phänomene wahrgenommene Erscheinungen von marktwirtschaftlichen Bedingungen wie kostengünstiger Serienfertigung o. ä. motiviert waren. Unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten muss auch der Ex- und Import von Bildwerken von und nach Freiburg untersucht werden.
Die bisher so intensiv diskutierten Zuschreibungs- und Datierungsprobleme sollen schliesslich nicht mehr allein mit kunsthistorischen Methoden angegangen werden, sondern auch mit Hilfe naturwissenschaftlicher Technologien (Dendrochronologie, C-16, Scans, Röntgenaufnahmen, Material- und Pigmentanalysen usw).