Mittelalterliche Konzepte zur Erziehung
Analysen von FÜrstenspiegel und Schulliteratur

SNF-Forschungsprojekt unter Leitung von Prof. Dr. H.-J. Schmidt und Prof. Dr. Udo Kühne

MitarbeiterInnen: Noëlle-Laetitia Perret

Projektbeschreibung:

Ziel ist die Erforschung pädagogischer Texte des Mittelalters: von Fürstenspiegeln und von Schulliteratur. Das Forschungsvorhaben beruht auf der Frage, wie eine die Generationen übergreifende und zwischen ihnen vermittelte Kontinuität von Wissen, Normen und Werten ereicht werden kann - und dies mittels pädagogischer Intervention. Es geht um die Vorbereitung auf die soziale Praxis, die als erlernbar vorgestellt wird und damit einer inhaltlichen - in schriftlichen Texten niedergelegten - Definition offensteht. Die Vorbereitung auf soziale Rollen war im Mittelalter spätestens seit dem 13. Jahrhundert Gegenstand regulierter Einwirkungen auf das Kind und wurde zum Thema schriftlich formulierter Reflexionen. Die pädagogische Intervention fand in Familien und in spezialisierten Institutionen der Wissensvermittlung statt. Spezifische Texte des Mittelalters stellten diese Interventionen dar und präsentierten Überlegungen zu ihrer Optimierung. Es gilt, die durch die Fürstenspiegel und durch die Schulliteratur entwickelten Konzepte mittelalterlicher Erziehung und Wissensvermittlung zu analysieren. Die unterschiedlichen Gebrauchsweisen und damit zusammenhängend die unterschiedlichen sozialen Nut-zungskontexte sind zu erfassen: die der Fürstenspiegel zunehmend im späten Mittelalter auch ausserhalb des höfisch-hochadligen Bereichs im städtisch-bürgerlichen Milieu, die der Schulbücher auch abseits des primären schulischen Gebrauchs in privaten und institutionellen Bibliotheken. Hinweise auf unterschiedliche Gebrauchsmodi ergeben sich aus der handschriftlichen Überlieferung und aus den mittelalterlichen Übersetzungen der lateinischen Texte.
Haben die Autoren der Fürstenspiegel explizit, programmatisch und theoretisch pädagogische Grundsätze und erzieherische Konzepte formulie-rt, stellt die Schulbuchliteratur die pädagogische Praxis dar.

Das Projekt reiht sich ein in die interdisziplinär ausgerichteten Forschungen zur Geschichte der Kindheit, zur Kohäsion von Familienverbänden, zu mittelalterlichen Strategien familiärer Planung, zur Ausformung sozialer Verhaltensnormierungen und zur diese sichernden Gebrauchsliteratur. Es sucht einen bisher vernachlässigten Aspekt zu analysieren: die konzeptuelle Reflexion über Erziehungsideale, -stile und -inhalte. Das Vorhaben ist geeignet, die Verfahren zu erkennen, wie im späten Mittelalter generationenübergreifend eine Formierung des Denkens und des Verhaltens angestrebt worden ist.