Skandal im spÄten Mittelalter.
Urteile und Argumente zur Beendigung des grossen abendlÄndischen Schismas und des Schismas mit den Östlichen Christen auf dem Balkan

SNF-Projekt unter der Leitung von Prof. Dr. Hans-Joachim Schmidt

Mitarbeiter: Marina Rey-Veljanoska

Projektbeschreibung:

Ziel des beantragten Projektes ist die Erforschung des Begriffs Skandals und seines Gebrauchs während des späten Mittelalters. Die beiden Untersuchungsbereiche sind erstens die Kontroversen um das langjährige abendländische Schisma (1378–1417) und den Prozess und die Verurteilung von Papst Johannes XXIII. durch das Konstanzer Konzil (1415) sowie zweitens die Beurteilung der als Schismatiker be- und verurteilten östlichen Christen auf der Balkanhalbinsel während des 15. Jahrhunderts, denen ausser der Abwendung von der Papstkirche auch eine mangelnde Unterstützung für Kreuzzüge gegen die osmanischen Türken zur Last gelegt wurde.
Der Begriff des Skandals war eine im Mittelalter weit verbreitete Argumentationsfigur. Der Vorwurf des Skandals beruhte auf Normen des Kirchenrechts und auf der moralischen Bewertung von Verhalten. Es soll untersucht werden, in welcher Weise der Gebrauch des Vorwurfs des Skandals während des späten Mittelalters sich von heutigen Gebrauchsweisen unterscheidet. Es wird von der Hypothese ausgegangen, dass Skandal anders als heute nicht die aussergewöhnliche Verfehlung meint, die verborgen verübt wird und daher entlarvt werden kann und soll, sondern während des Mittelalters das offen zutage liegende und oft langfristig bestehende Abweichen von Normen bedeutet. Skandal war damit eine Steigerung von Verfehlungen, die sogar eine institutionelle Verfestigung erfuhren. Gegen Skandale im Mittelalter vorzugehen, erforderte ungewöhnliche, mitunter sogar gegen normierte Verfahrensordnungen gerichtete Abwehrstrategien und Abwehrhandlungen, z.B. einen Papst anzuklagen, die universale Kompetenz des Papstes einzuschränken oder die Anstrengungen zur Kirchenunion mit den östlichen Christen durch grundsätzliche Kritik an ihnen zu konterkarieren. Stets erforderte und berechtigte die Abwendung von Skandalen eine erhöhte Militanz: durch rechtliche Verfahren, durch Planungen und Durchführungen militärischer Operationen. Anders als in der bisherigen Forschung behauptet, erweist sich nicht die Häresie, also die Abweichung vom rechtmässig angesehenen Glauben, sondern der Skandal als Ausgangspunkt für Diskurse und Handlungen.
In dem beantragten Projekt soll in der Weise vorgegangen werden, dass für beide Teilbereiche die Wortfelder von scandalum und dessen Paraphrasierungen untersucht werden. Es gilt also, Argumentationsstrategien zu rekonstruieren und zu untersuchen. Dazu sollen Texte herangezogen werden, die Diskurse und Argumente enthalten. Es sind dies Rechtstexte, Traktate, Anklageschriften (gegen Papst Johannes XXIII.), Konzilsbeschlüsse (von Nationalkonzilien in Frankreich und vom Konstanzer Konzil), von Berichten von Reisenden in den Balkan, von Debatten über Kreuzzugsprojekte und von Predigten des als Kreuzzugsprediger beauftragten Giovanni da Capestrano.
Forschungen der Geschichtswissenschaft zum Thema des Skandals im Mittelalter gibt es nicht. Es soll ein neues Untersuchungsgebiet erschlossen werden – dies anhand zweier konkreter Untersuchungsgegenstände zu Kirchenspaltungen.