Wolfgang Stammler Gastprofessur
FÜr Germanische Philologie

 

Heft 8

Oskar Reichmann
Das nationale und das europäische Modell
in der Sprachgeschichtsschreibung

Freiburg/Schweiz 2001, 101 S.
ISBN 3-7278-1243-5, brosch.

In der Sprachgeschichtsschreibung des Deutschen (und anderer europäischer Sprachen) sind unter kontaktlinguistischem Aspekt zwei Modelle zu unterscheiden: Man könnte das erste als das ‹deutsche›, d.h. ‹nationale› oder einzelsprachbezogene Modell, das zweite als das ‹europäische› oder kontaktbezogene Modell bezeichnen. Dem nationalen Modell liegt folgende Auffassung von Sprachgeschichte zugrunde: Sprachgeschichte ist die Entwicklung eines Systems von Verständigungsmitteln, das unter strukturellem Aspekt in jedem seiner Ursprungspunkte und seiner geschichtlichen Stadien durch ein nur diesem System eigenes Inventar von Einheiten und Regeln und durch ebenfalls nur diesem System eigene Gütequalitäten gekennzeichnet ist. Sprachsoziologisch wird der Gedanke der Systemspezifik durch denjenigen eines spezifischen Systemgebrauchs und Systembewusstseins auf der Seite der Sprachträger ergänzt. Nach dem Kontaktmodell wird Sprachgeschichte als Entwicklung begriffen, nach der sowohl die Einheiten wie die Regeln eines Systems zu jedem denkbaren historischen Zeitpunkt Resultate des Kontaktes von (strukturalistisch gesprochen) mehreren Sprachen oder (soziologisch gesprochen) der Sprecher unterschiedlicher Verständigungsmittel sind. In der Publikation wird am Beispiel der Sprachgeschichtsschreibung des Deutschen zuerst das nationale, danach das europäische Modell erläutert.