Freiburger Kolloquium 2007

Die Tradition der SprichwÖrter und Exempla
im Mittelalter

15. - 17. Oktober 2007

Konzept

Die Tradition der Sprichwörter, gelehrter oder volkssprachlicher Art, stand im Mittelalter in enger Beziehung mit der Tradition der Exempla . Handbücher der Rhetorik empfehlen oft, an Anfang und Ende einer Erzählung ein Sprichwort zu stellen. Der Zusammenhang zwischen Exemplum und Sprichwort ist nicht unbedeutend, im Gegenteil, es handelt sich um eine verwandtschaftliche Beziehung: ein Sprichwort kann eine Erzählung hervorbringen und eine Erzählung kann ein Sprichwort generieren. Arche Taylor, der bedeutendste Parömiologe des 20. Jahrhunderts hat das Sprichwort als eine potentielle Erzählung definiert. Diese beiden Traditionen haben alte und identische Wurzeln. Auf der einen Seite steckt in ihnen das Erbe der klassischen Antike und auf der anderen dasjenige der christlichen Literatur. Es gab alte Sammelbände von "gelehrten Sprüchen", die in der antiken Welt weit verbreitet waren und ins Mittelalter tradiert wurden. Unter ihnen die Disticha Catonis , eine kleine Sammlung, die in beinahe alle Volkssprachen übertragen wurde, die Proverbia Senecae oder die Dicta philosophorum des Diogenes Laertius. Aus der Antike ins Mittelalter überliefert wurden auch die populärsten Sammlungen der Exempla: die Dicta et facta memorabilium und die ganze Aesopsche Tradition. Aus der christlichen Literatur haben wir die Proverbia Salomonis und die aus der Bibel entlehnten Geschichten. Eine weitere Quelle darf man jedoch nicht vernachlässigen: die volkssprachliche Tradition, die im Mittelalter einen Schatz an Sprichwörtern und populären Erzählungen lieferte, unter ihnen der Dialog Salomons et Marcoulf oder die Sammlung des Jean Millet in Frankreich und des Marquis von Santillana aus Spanien. Sprichwörter und Exempla wurden in ganz Europa gesammelt, aber sie haben eine ganz spezielle Tradition in Spanien aufgrund der besonderen politischen und kulturellen Situation: durch den Kontakt mit dem Islam kam es zu einer Ausbreitung der arabischen Sinnsprüche, die unter den nestorianischen Philosophen verbreitet waren. Es handelt sich aber nicht um eine isolierte Tradition. In Spanien hat man ebenso Sammlungen gekannt, die jenseits der Pyrenäen geschrieben wurden, wie man umgekehrt im kontinentalen Europa einige Sammlungen kannte, die in Spanien verfasst oder übersetzt worden waren, wie die Disciplina clericalis oder das Secretum secretorum. Die Sammlungen von Sprichwörtern und Exempla waren in alphabetischer, logischer oder thematischer Reihenfolge geordnet. Für den mittelalterlichen Autor waren die Sprichwörter und Exempla Techniken im Dienst des Diskurses, und so wurden sie auch meistens gebraucht. In den politischen Texten, im speziellen in den Fürstenspiegeln, verdichteten und illustrierten sie die politische Theorie; in den historischen Texten dienten sie als ethische Modelle oder als eine Art der verdichteten Moral. Auch wenn die volkstümlichen Sprichwörter durch die Rhetorik-Handbücher verboten waren, so war ihre Anwendung in Predigten ebenso beliebt wie diejenige von Exempla . Sie hatten einen engen Bezug zur Ikonographie, zum Beispiel der Überlieferung der Aesopschen Fabeln. Man kann sagen, dass Erzählungen und Sprichwörter in allen mittelalterlichen Kulturen präsent waren. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Sprichwörter und Exempla , die häufig als zwei getrennte Traditionen bezeichnet werden, während des gesamten Mittelalters als Mittel zur Belebung des Diskurses eingesetzt wurden. Ihre Geschichte und ihr Gebrauch bleiben nichtsdestoweniger identisch und weil sie praktisch dieselbe Rolle ausfüllen, kann man sie nicht getrennt untersuchen. Während des 20. Jahrhunderts hat sich die Untersuchung der Herkunft der Exempla und der Sprichwörter sehr stark weiterentwickelt. Es wurden Sammlungen von lateinischen und volkssprachlichen Erzählungen und Sprichwörtern herausgegeben; man hat Indices der Themen der Ezählungen und Sprichwörterbücher erstellt, wie den Index von Thompson und den Thesaurus proverbiorum medii aevi von Singer. Es gibt sogar spezialisierte Zeitschriften, wie Fabula und Proverbium (Ohio State University). Und dennoch werden die beiden Traditionen oft getrennt behandelt. Das geplante Kolloquium versucht eine andere Herangehensweise in dem es das parallele Studium der beiden unternehmen möchte. Welches Erbe hat der Westen von der arabischen Welt übernommen? Welche Veränderungen hat diese Tradition aufgrund ihrer Adaption an ein christliches Milieu erfahren? Welches waren die Produktionsorte der Überlieferung der Sprichwörter und der Exempla in Europa? Welche Zusammenhänge gibt es zwischen den verschiedenen Regionen Europas? Welche gemeinsamen und welche spezifischen Sammlungen gibt es? Wie sah der Gebrauch dieser Sammlungen aus? Welchen Einfluss hatten sie auf die mittelalterliche Kultur? Diese fundamentalen Fragen scheinen besonders gut geeignet für ein interdisziplinäres Colloquium.