Wolfgang Stammler Gastprofessur
Für Germanische Philologie

 

Cahier 10

Walter Haug
Der Tristanroman im Horizont der erotischen Diskurse
des Mittelalters und der frühen Neuzeit

Freiburg/Schweiz 2000, 48 S.
ISBN 3-7278-1287-7, brosch.

Die Frage nach dem Wesen und dem Sinn des Erotischen ist im Mittelalter und in der frühen Neuzeit in sehr verschiedenen Traditionszusammenhängen erörtert worden. So steht die kirchlich-kanonistische Behandlung der Thematik 'Sexualität, Keuschheit, Ehe' mit einer moralisch restriktiven Tendenz der feudalen Heiratspraxis gegenüber, die pragmatisch auf Herrschaftssicherung und -erweiterung ausgerichtet ist. Unabhängig davon gibt es einen medizinische Diskurs über die physiologischen Differenzen in der Geschlechtlichkeit bei Mann und Frau, der sich aber indirekt dann doch mentalitätsgeschichtlich auswirkt. Ganz anders wird die Liebe in der Philosophie, Theologie und Mystik gesehen, indem sie als Triebkraft auf dem Weg zur Annäherung an Gott begriffen wird. Und von all dem setzt sich die literarische Behandlung des Erotischen ab, wobei sie sich in den verschiedenen Gattungen sehr unterschiedlich darstellt. Die Spanne geht vom fiktiven Spiel in der Minnelyrik über die Problematisierung der Geschlechterbeziehung im höfischen Roman bis zur Vulgarisierung im sexuell pointierten Schwank. Eine höchste Reflexionsebene erreicht das Thema im Liebesroman, insbesondere im 'Tristan', an dem beispielhaft dargelegt werden kann, welche fundamentale erotische Umorientierung im 12./13 Jahrhundert im literarischen Rahmen gewissermaßen experimentell stattgefunden hat: Hier wird erstmals die Geschlechterbeziehung als personale Du-Erfahrung verstanden und in ihrer ganzen Abgründigkeit durchgespielt.

Erweiterte Neufassung:

Die Höfische Liebe im Horizont der erotischen Diskurse
des Mittelalters und der Frühen Neuzeit

Walter de Gruyter, Berlin/New York 2004, 77 S.
ISBN 3-11-018049-9, brosch.

Das Thema 'Erotik und Sexualität' ist im Mittelalter und in der frühen Neuzeit auf unterschiedlichen Ebenen abgehandelt worden. Entgegen den bislang üblichen Formen der Darstellung und Interpretation, bei denen man sich je nach Interesse beliebig aus den verschiedenen Bereichen bediente, werden hier die spezifischen Diskurse zunächst soweit wie möglich auseinander gehalten. Es sind zu unterscheiden: der kirchlich-kanonistische, der medizinische, der feudale, der philosophisch-theologische und der theoretisch-didaktische Diskurs. Erst danach kann es um die Frage gehen, ob und, wenn ja, in welcher Weise die Diskurse aufeinander eingewirkt haben und welches Konzept der Geschlechterbeziehung schließlich aus den Konflikten und Verschränkungen hervorgegangen und an die Moderne vermittelt worden ist.
Die Neuauflage ist grundlegend überarbeitet und stark erweitert. Neuere Literatur wurde einbezogen.