Wolfgang Stammler Gastprofessur
Für Germanische Philologie

 

Cahier 11

Marc-René Jung
Die Vermittlung historischen Wissens
zum Trojanerkrieg im Mittelalter

Freiburg Schweiz 2001, 43 S.
ISBN 3-7278-1349-0, brosch.

Historisches Wissen zur Antike konnte ein Kleriker in lateinischen Texten finden, während das Laienpublikum auf volkssprachliche, zum Vorlesen bestimmte Texte angewiesen war. Diese entstanden nach der Mitte des 12. Jahrhunderts: Thebenroman, Eneasroman und Trojaroman. Benoît de Sainte-Maure, der Begründer der europäischen mittelalterlichen Trojalegende, hat seinen 'Roman de Troie' nicht für einen Auftraggeber geschrieben. Hat er einfach von sich aus seine dürren spätantiken Quellen dem sogenannten Zeitgeschmack angepasst? Seit dem Beginn des Jahrhunderts gibt es Zeugnisse eines mehr oder weniger latenten Interesses der Laien am Trojanerkrieg. Diese Zeugnisse gestatten die Hypothese, dass die Vermittlung des historischen Wissens an die Laien zunächst mündlich erfolgt sein muss. Analog zu dieser mündlichen Information durch einen vermittelnden Kleriker hat Benoît den lateinischen Augenzeugenbericht des Dares als vermittelnden Text in seine französische Version übernommen und ihn nach der damals für die Historiographie geltenden Theorie mit wahrscheinlichen Episoden (secundum naturam) erheblich erweitert. Der 'Roman de Troie' wurde berühmt, derart, dass zu Beginn des 13. Jahrhunderts ein Adliger von seinem Kleriker, der lieber eine Heilsgeschichte geschrieben hätte, ausdrücklich verlangt, die Geschichte der Heiden, also auch Trojas, zu schreiben. Im ganzen Spätmittelalter verfügte das Laienpublikum über ein viel umfassenderes Wissen zum Trojanerkrieg als die Kleriker.