Verhandlungen auf den Konzilien von Basel und Ferrara-Florenz : Lateinische und griechische Christen im interkulturellen Kontakt

Projet du FNS sous la direction du Dr. Hans - Joachim Schmidt

Collaborateur: Ivan Mariano

Description du projet:

Das Konzil von Basel tagte länger als jedes andere ökumenische Konzil: von 1431 bis 1449. Weil die Mehrheit der Teilnehmer die päpstliche Superiorität ablehnte, berief 1438 Papst Eugen IV. das Konzil nach Ferrara, später nach Florenz. Zwei Konzilien standen in Konkurrenz; sie negierten gegenseitig ihre Legitimität. Beide Konzilien waren Foren für die Behandlung zahlreicher Fragen und Konflikte in Religion, Kirchenverfassung, Politik und Rechtsprechung. Mehr als je zu­vor in der europäischen Geschichte waren Entscheidungen durch Verhandlungen zu erreichen. Zu diesen Verhandlungen gehörten die zwischen den beiden Konzilien der okzidentalen Christenheit einerseits und dem Patriarchen der griechisch-orthodoxen Christen von Konstantinopel und dem oströmischen Kaiser andererseits. Diese Verhandlungen sollen Gegenstand der Untersuchung sein. Sie sollen analysiert werden hinsichtlich der Intentionen, Verlaufsformen, rituellen Handlungsabläufe, Taktiken, Strategien. Zu fragen ist, in welcher Weise unterschiedliche Erwartungshaltungen und Normen die Kommunikation in den Verhandlungen prägten. Das Projekt zielt darauf, die Besonderheiten inter-kultureller Verhandlungen zu untersuchen. Die Frage lautet, inwieweit Interessenkonvergenz durch Wertedifferenz konterkariert wurde. Beide Seiten verfolgten gleiche politische und militärische Interessen: Es ging um die gemeinsame Verteidigung gegen das vordringende osmanische Grossreich. Beide Seiten verfolgten auch dasselbe Ziel: die Wiederherstellung der Kircheneinheit. Aber Jahrhunderte währende religiöse und ethnische Konflikte stellten Barrieren dar, die eine Verständigung erschwerten, die Verhandlungen belasteten und eine Einigung zwar nicht ausschlossen, deren Akzeptanz aber letztlich verhinderten. Die Verhandlungen waren ausserdem gekennzeichnet durch die Kirchenspaltung innerhalb der westlichen Christenheit - zwischen Anhängern des Basler Konzils und Anhängern des römischen Papstes und nach 1438 des von ihm allein legitimierten Konzils. Die Delegationen des Patriarchen und des Kaisers von Konstantinopel verhandelten zeitweise mit beiden Seiten. In der komplizierten Konstellation standen dogmatische Festlegungen einem Austarieren von gemeinsamen Vorteilen im Wege. Wie dies gleichwohl versucht wurde, ist das Thema des geplanten Projektes. Das Forschungsvorhaben soll das Procedere der schwierigen Verhandlungen untersuchen. Entgegen den bislang allein dogmen- kirchen- und ideengeschichtlichen Forschungen und Arbeiten gilt es, erstens die inhaltliche Analyse auf nicht-religiöse Themen zu erweitern und zweitens die Formen des Kontaktes und der Kommunikation zu behandeln. Dabei sollen die Probleme interkultureller Beziehungen behandelt werden. Insbesondere ist zu fragen, wie trotz grundlegender Negation von Existenzberechtigung und trotz dogmatisch begründeter gegenseitiger Verurteilung (innerhalb der okzidentalen Christenheit und im Verhältnis zu Gruppen ausserhalb) eine gemeinsame Nutzenoptimierung versucht wurde und auf dieser Basis eine Kooperation erreicht wurde. Es ist zu fragen, inwieweit das Selbstverständnis des jeweils anderen akzeptiert und in eine gemeinsame Handlungsstrategie einbezogen wurde. Das Projekt wird auf der Analyse von schriftlichen Texten beruhen, die die Zeitgenossen und die an den Verhandlungen Beteiligten verfassten. Die Texte sind aus unterschiedlichen Perspektiven und aufgrund von verschiedenen religiösen und politischen Einstellungen entstanden. Sie gehören mehreren Gattungen an: Es sind sowohl Texte, die Verhandlungen ex post beschreiben, als auch Texte, die als Dokumente pragmatischer Schriftlichkeit die jeweiligen Positionen vorstellen und verteidigen, die die Verhandlungen vorbereiten, die Kompromissangebote darstellen, die Argumente auch der Gegenseite darzustellen versuchen. Es sind Texte, die teils öffentlich, teils geheim gelesen werden sollten. Die Multiperspektivität der Quellen erlaubt mehr als Quellenkritik. Vielmehr soll sie vor allem dazu genutzt werden, um divergente religiöse, kulturelle und politische Einstellungen und die Versuche, sie durch Verhandlungen zu überwinden, zu analysieren.