Thema
 

Rituale und Inszenierungen im Mittelalter.
Zeremonien, Symbolisierungen, Liturgien, Rhythmen, Dramatisierungen, Debatten

Welche Auswirkungen hatten Rituale auf das Leben im Mittelalter? Wie wurden sie inszeniert? Was war ihr Ziel? Welche Bedeutungen drückten sich in ihnen aus? Mittels welcher Medien (z. B. Texte, Bilder, Gesten, Handlungen) wurden sie gestaltet? Auf welche Art und Weise kombinierte man Bedeutungsträger in Ensembles, die zusätzliche Bedeutungen in sich trugen? Wie trugen Metaphern zu Ritualen bei? Wurden Rituale durchgeführt um Gefühle hervorzurufen? Waren Rituale bestimmten Regeln unterworfen, was die Einbindung ihrer Einzelelemente, ihre Präsentation und ihre Kontinuität betraf? Welches waren die Objekte, die Orte und die Zeiten der Rituale? Waren die Abfolgen mündlicher Äusserungen, oder von Bildern und Bewegungen durch bestimmte Rhythmen charakterisiert? Waren die Transfers von materiellen und menschlichen Ressourcen ritualisierten Prozessen unterworfen? Waren die Bedeutungen durch ein eindeutiges und allgemein akzeptiertes Verständnis gefestigt? Welche Personen und welche Prozesse sicherten eine solche Festigung? Wer bedrohte sie? Auf welche Art und Weise waren die Verkettungen der Präsentationen frei arrangiert und erhielten dadurch eventuell einen anderen Sinn? Was spielte die Nachahmung für eine Rolle bei den Inszenierungen? Welchen Einfluss übten literarische, ikonographische oder musikalische Schöpfungen dabei aus? Und welche Rückwirkungen gab es auf das soziale Leben? Wie wurden Rituale ästhetisch gestaltet? Durch welches Wissen wurde die Interpretation der Kommunikationsmittel möglich? Auf welche Art folgten die theoretischen Diskussionen, insbesondere die philosophischen, den Anforderungen der literarischen Dramatisierung (durch Dialoge und fiktive Gespräche)? Wer und was garantierten den Transfer der Objekte und der Handlungen in die religiöse Sphäre? Welche Bedeutung garantierten die Rituale durch die religiöse Praxis?

Diese Fragen sollen zum Nachdenken anregen über ein fundamentales Thema der Forschung, die sich mit der Epoche des Mittelalters auseinandersetzt: Die Funktion des Rituals. Es lässt sich als ein sich wiederholender Akt definieren und als Ausdruck eines Sinns, der sich nicht direkt aus seiner Erscheinung erklärt, der aber durch eine breit anerkannte Konvention geschaffen wird und letztlich in einen Prozess der Regulierung mündet. Die Beteiligung an Ritualen umfasst eine Gruppe von Akteuren, die eine Gesamtheit an Personen, an Handlung, Objekten und Bedeutungen schaffen. Das Ritual schliesst eine variable und hierarchisierte Beteiligung mit ein, die unter den Initianten und den Beobachtern unterscheidet, was zu einer sozialen Gesamtheit führt. Die Rituale wurden in der Öffentlichkeit ausgeführt. Rituale dienten dazu die sozialen Beziehungen aufzuzeigen und waren in Zeremonien integriert, strenger regularisiert und ausgeführt z. B. an den königlichen und fürstlichen Höfen, in städtischen Gemeinschaften, praktiziert während dem Zusammentreffen von politischen Akteuren, während den feierlichen Einzügen in die Städte, in Verbindung mit juristischen Handlungen und militärische Feldzüge begleitend. Meistens wurden sie inszeniert um sich eines Publikums zu versichern. Die Rituale waren ein Mittel um durch die Herstellung eines Mehr an Bedeutung, welches den einfachen praktischen Aspekt übertraf, Beziehungen zwischen Personen zu festigen. Sie wurden sowohl friedensstiftend eingesetzt, als auch um militante Gruppen zu bilden. Wenn Zeremonien in Kirchen oder religiösen Kontexten angewandt wurden, sollten sie den Glauben heraufbeschwören und die Gläubigen in eine Beziehung mit Gott bringen. Zeremonien wurden somit zu Liturgien.

Rituale waren sehr häufig einem vorgeschriebenen Rhythmus unterworfen, der ihnen ausgehend von einer regulierten Harmonie einen Charakter von Schönheit verleihen sollte, manchmal waren sie aber auch verwirrend durch eine gewollte Abweichung von der Regel, somit etwas Neues schaffend, was der künstlerlischen Kreation eigen ist. Die Musik war besonders bei den Feiern mehr als nur Begleitung von Zeremonien, sie trug auch zur zeitlichen Strukturierung bei und verursachte Emotionen. Die Dramatisierung des Verhaltens der Menschen und die Schaffung von Theaterstücken öffnete eine Tür zu einer grossen Bandbreite von präsentierten Themen und ihrer Kombination, und machte so ein Verständnis möglich, welches weniger einer vorhergenden Normalisierung unterworfen war, als sich mehr an einem freien Diskurs orientierte. Dieser offene Diskurs kam auch bei theoretischen Texten zum Einsatz, besonders bei philosophischen, um verschiedene Personen mit verschiedenen Meinungen in Beziehung zu setzen, was wiederum einen dramatischen Aspekt in die Debatten einfliessen liess. Die Dramatisierung wurde so zu einem Mittel das Menschsein besser zu verstehen und dem ästhetische Aspekte hinzuzufügen.

Während des Mittelalters war die mündliche Kommunikation vorherrschend. Die Menschen markierten ihre Kontakte durch Zeichen, ihre Zusammenarbeit, ihre Forderungen, ihre Widerstände. Die Herstellung von Bedeutung funktionierte über Gesten, körperliche Bewegung und durch Objekte, die als Symbole angesehen wurden. Die "raison des gestes" (Jean-Claude Schmitt) zeigte soziale Beziehungen auf und bevorzugte ihre Interpretationen. Symbole wurden geschaffen, die Bedeutungsträger sein sollten und sie wurden in einem Ensemble angeordnet, dass mehrere von ihnen und mehrere Beteiligte an diesen Arrangements kombinierte. Die Bedeutungen und ihre Ausgestaltung wurden durch Konventionen bestärkt, die auf wiederholbaren Handlungen basierten und die dazu beitrugen, dass die Handelnden ihnen einen breiten Konsens zuordnen konnten. Die Zeitgenossen des Mittelalters sollten die Bedeutung der Objekte und Handlungen verstehen, die wie Symbole begriffen und in ein Handlungsganzes integriert wurden, damit sie wirksam werden konnten. Das heisst, zu Handlungen zu führen, die in das soziale, politische, rechtliche, künstlerische und religiöse Leben und Handeln integriert werden konnten. Es gab Auseinandersetzungen über die Verwendung der Symbole. Die rituellen Akte wurden selbst wiederum autoreferentiell einem ritualisierten Prozess des Verständlichmachens unterworfen.

Um die Rituale zu verfestigen, wurden während des Mittelalters schriftliche Texte verfasst und Abbildungen gestaltet. Sie sind für die Mediävisten die geeigneten Quellen. Für die heutigen Forscher besteht die Schwierigkeit, die Bedeutungen und Verwendungen der Rituale zu rekonstruieren. Interpretationen stellen Annäherungen an das Verständnis dar, um einen verborgenen Sinn zu deuten, der den Handlungen und Objekten anheftete. Die Analyse der Rituale, der Zeremonie und der Symbole zielt auf ihre Hermeneutik und ihre Performanz.

Die skizzierten Themen sind geeignet für eine Zusammenarbeit mehrerer Disziplinen: Geschichte, Rechtsgeschichte, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, die Philologien – klassisches Latein, französisch, italienisch, deutsch, englisch, spanisch etc. – Philosophie, Liturgiewissenschaft (Theologie). Die Doktoranden der genannten Disziplinen sind eingeladen, ihre Forschungsprojekte vorzustellen und über sie zu diskutieren.

Das Ziel des Graduiertenkurses ist die Förderung von Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern in den Forschungsfeldern der Mediävistik. Die Veranstaltung soll die Kompetenz innerhalb des jeweiligen Faches stärken und zu einer Zusammenarbeit zwischen den Fächern führen.

Der Graduiertenkurs wird organisiert durch das Mediävistische Institut der Universität Freiburg in Zusammenarbeit mit den Schweizer Mittelalterzentren und dem Doktoratsprogramm Mediävistik der CUSO (Conférence des universités de la Suisse occidentales). Doktoranden verschiedener Sprachen (Deutsch, Französische, Italienisch, Englisch) sind eingeladen daran teilzunehmen. Die Anzahl der TeilnehmerInnen ist auf 12 begrenzt. Die Kosten für Reise, Unterkunft und Verpflegung werden übernommen. Doktoranden aus dem Ausland können sich um eine Teilnahme bewerben, müssen jedoch die Kosten selbst tragen.

 

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