Freiburger Colloquium 2006 "Laster im Mittelalter"

Konzept

Das "Freiburger Colloquium 2006" des Mediävistischen Instituts der Universität Freiburg widmet sich in erster Linie der langen Tradition der sieben (bzw. acht) Todsünden. Die Geschichte der Haupt- oder Todsünden beginnt in der ägyptischen Wüste. Evagrius Ponticus (345-399), ein gelehrter Anachoret des 4. Jahrhunderts, erarbeitete aufgrund von neuplatonischen und gnostischen Elementen einen Achtlasterkatalog. (Zur Vorgeschichte der Lasterkataloge, z.B. Bloomfield 1952). Die acht Laster gastrimargía, porneía, philarguría, lúpe, orgé, akedía, kenodoxía und huperephanía verstand Evagrius als ,böse Gedanken', die Dämonen einsetzten, um Einsiedler von ihrem Ziel abzulenken, die apatheia zu erreichen. Dieses Lasterschema wurde von Johannes Cassian (360-435) übernommen und damit dem lateinischen Westen überliefert. Zwei Jahrhunderte später wurde die Lasterlehre von Gregor dem Grossen (~540-604) in seiner Moralia in Iob einer grundlegenden Wandlung unterzogen. Gregor kennt offensichtlich Cassians Lasterkatalog, nimmt aber nur sieben Hauptlaster an, wobei diesen Hauptlastern der Stolz ( superbia ) als regina oder radix übergeordnet wird, aus der die anderen Laster entspringen. Ferner führt Gregor den Neid ( invidia ) als neues Laster ein, fasst aber acedia und Traurigkeit ( lúpe , tristitia ) zu einem einzigen Laster, der tristitia zusammen. Gregors Lasterkatalog hatte einen kaum zu unterschätzenden Einfluss auf die christliche Literatur des Abendlandes, wobei dieser Katalog häufig mit demjenigen Cassians kombiniert wurde. Im 12. Jahrhundert wurden die verschiedenen Modelle vereinheitlicht und eine leicht korrigierte Fassung des Gregorianischen Lasterkatalogs mit sieben Lastern setzte sich durch. Die sieben Laster Stolz ( superbia ), Neid ( invidia ), Zorn ( ira ), Acedia, Geiz ( avaritia ), Völlerei ( gula ) und Geilheit ( luxuria ) wurden seit dem 12. Jahrhundert in einer schier unübersehbaren Fülle von theologischen Abhandlungen, pastoralen Schriften (Predigthandbücher, Bussbücher, etc.) und literarischen Werken beschrieben. Der triumphale Erfolg dieses Lasterkatalogs hielt bis zum 15. Jahrhundert an und verschwand dann allmählich, ohne freilich je vergessen zu gehen. Wenn heute an die sieben Hauptlaster erinnert wird, dann ist damit in erster Linie eine mittelalterliche Lehre gemeint, die vor allem im 12.-15. Jahrhundert nicht nur die gelehrte Diskussion prägte, sondern auch das alltägliche Leben beeinflusste.

Die Darstellungen von Lastern und Tugenden sind aber ausserdem auch eine wichtige Quelle für die Beschreibung der menschlichen passiones (Leidenschaften). Vor allem in philosophischen und theologischen Werken wird das Verhältnis von Leidenschaften und Lastern vertieft. Dies wird zum Beispiel anhand der Beschreibung des Zorns besonders deutlich, der einerseits als Leidenschaft, nach einer langen philosophischen Tradition sogar als eine der grundlegenden Leidenschaften verstanden, andererseits wurde er seit den ersten Lasterkatalogen immer auch als Hauptlaster gedeutet. Psychologische Beschreibungen von Leidenschaften und Darstellungen von Lastern überschneiden sich somit und befruchten damit auch moralphilosophische Fragestellungen.

Die Mediävistik hat sich bisher recht wenig diesem vielfältigen Thema angenommen. Wer sich einen Überblick verschaffen will, muss immer noch auf ältere Studien zurückgreifen (Katzenellenbogen 1935, Bloomfield 1952, Wenzel 1967). Ein Blick in das Handschriftenverzeichnis von Bloomfield / Guyot / Howard / Kabealo 1979 zeigt, dass der grösste Teil der Schriften über Tugenden und Laster zwischen 1100 und 1500 noch nicht bearbeitet wurde. Unter den neueren Publikationen sind in erster Linie die Arbeiten von Newhauser 1993 und 2000 und Casagrande / Vecchio 2000 zu erwähnen.

Die geplante Tagung wäre das erste internationale Kolloquium zu diesem Thema. Es würde ermöglichen, aus verschiedenen Fachgebieten unterschiedliche Aspekte auszuleuchten. Die Zahl der eingeladenen Gäste wird auf 13 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen beschränkt, wobei eine Auswahl von international renommierten Fachpersonen für die Tagung gewonnen werden konnte. Es wurde darauf geachtet, dass verschiedene mediävistische Fachgebiete vertreten sind und nicht nur Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen eingeladen werden, die sich auf "Laster" spezialisiert haben, sondern auch Forscher und Forscherinnen angefragt wurden, die zu bestimmten Sachgebieten und Autoren gearbeitet haben, die für unser Thema aufschlussreich sind.

Das Mediävistische Institut beabsichtigt die Akten der Tagung in der Institutsreihe "Scrinium Friburgense" zu veröffentlichen, die seit dem letzten Jahr vom
de Gruyter Verlag (Berlin / New York) herausgegeben wird.